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Heinrich Berger - Coswiger Schüler in Übersee - 5

Ansichtskarte von Hawaii

Heinrich Berger - Teil 5
Schneller Start auf Hawai'i     --> 

Der 2.Juni 1872 wurde für Heinrich Berger zu einem entscheidenden Datum. Immerhin ist noch heute für musikalisch interessierte Personen dieses Datum derart von Bedeutung, daß 2002 von privater Seite Sonderbriefmarken herausgegeben wurden, die an die Ankunft Heinrich Bergers vor 130 Jahren am, 2.Juni 1872, erinnern.

Tatsächlich begann ab diesem Zeitpunkt für Heinrich Berger ein neuer Lebensabschnitt.
Zunächst jedoch lautete für die kommenden vier Jahre der Befehl: Neuorganisation der königlichen Band und kontinuierliche Arbeit mit den Musikern.
Nach seiner Ankunft in Honolulu begab sich Berger unverzüglich, wie es seiner preußischen, militärischen Art entsprach, sofort zum Palast des Königs Kamehemea.

Hier bekam er vom König selbst seine Order, um arbeiten zu können.
Nach seinen persönlichen Aufzeichnungen und deren Veröffentlichungen durch D. Billam - Walker, „...warnte der König Berger, daß es nicht leicht sei, den Musikern Disziplin beizubringen und daß sie fleißig übten.“
„Ich werde sie in einen dunklen Raum stecken, wenn sie nicht lernen“, sagte Berger.
Kamehamea erwiderte: “Das wird ihnen gefallen, sie schlafen den ganzen Tag. Sie sollten lieber einen Stock nehmen, um ihnen Disziplin beizubringen.“ Das wäre der einzige Weg.

Heinrich Berger, der das erst nicht so ernst nahm, merkte jedoch später, daß er mit seinen Musikern auch streng umgehen mußte.

Gleich die ersten Tagen seines Wirkens blieben wohl bei Berger in besonderer Erinnerung. Er begann sofort mit seiner Arbeit. Zu der bestehenden recht vernachlässigten Musiktruppe fand Berger noch 4 weitere Männer dazu und startete einen ersten Versuch.
Bezeichnend ist außerdem, daß die anfangs 14 Mitglieder der Band sich zumeist aus Schülern der O’ahu Reform School, einer Art Sonderschule für „schwierige Knaben“, zusammensetzte, Heinrich Bergers militärische Durchsetzungskraft also um so mehr gefordert war.

Nur wenige Tage nach der Ankunft Bergers sollte schon ein erster öffentlicher Auftritt seinen Erfolg auf Hawaii begründen. Ein bevorstehender Feiertag – der erste Kamhamea Tag, der für den 11.Juni festgelegt wurde -,  sollte bereits eine erste „Feuertaufe“ für den neuen „Bandmaster“ – Kapellmeister - mit seinen ihm anvertrauten Musikern werden.

König Kamehamea V. wollte mit diesem Festtag an seinen Großvater und Begründer des hawaiischen Königreiches , Kamehamea dem Großen, gedenken. Dieser Tag ist übrigens noch heute offizieller Gedenktag auf Hawaii.
Eine Melodie aus diesem ersten Gedenkkonzert, das  Heinrich Berger am 11. Juni 1872 inszenierte, ist ebenso noch heute nach über 130 Jahren aktuell, wie eh und je eine Melodie, ein Lied: die „Hymn of Kamehamea“.
Heinrich Berger hatte innerhalb der ersten Tage seines Wirkens auf Hawaii eine ursprünglich europäische Melodie bearbeitet und neu arrangiert.

Der spätere König Kalakaua (1874 – 1891) selbst hatte hierfür dann noch einen Text zu dieser Hymne geschrieben und, obwohl dieser Text zutiefst royalistisch ist, wird die Melodie mit Text noch heute als „Hawai‘i-Pono’i“, die hawaiische Nationalhymne,
regelmäßig offiziell dargeboten. Viele Hawaii-Besucher wundern sich noch heute, wenn sie mit ihren Kreuzschiffen Honolulu anlaufen und hier von der Royal Hawaiian Band unter anderem mit dieser preußisch anmutenden Melodie mitten in der Südsee begrüßt werden.
Die Melodie stammt ursprünglich aus England, 18.Jh., und ist als „God save the Queen“ erst bekanntgeworden. In Preußen wurde diese Melodie nach dem Sieg über Frankreich 1870/71 dann unter dem Titel „Heil Dir im Siegerkranz“ wieder verwendet. Hierfür hatte Balthasar Schumacher 1793 den Text nach einer englischen Version von Heinr.Harris, 1790 geschrieben.
Heinrich Berger hatte die recht heroische Komposition als Basis für seine neue Hymne verwendet und neu arrangiert.

N. R. Schweizer schreibt dazu in seinem Buch „Hawai’i und die europäischen Völker“: “Trotz dieses deutschen Ursprungs ist die „Hawai‘ Pono’i“, was sich mit „Hawai’i’s eigenes Volk“ übersetzen läßt, im wesentlichen recht hawaiisch, und zwar nicht nur des Textes wegen.
Dies trifft überhaupt auf Bergers hawaiische Musik zu, auf die 75 Melodien, die er komponierte und mehr als 200 Melodien, die er arrangierte....“ Dazu später noch ein paar weitere Ausführungen.

Ergänzend zum ersten Konzert Heinrich Bergers am 11.Juni anläßlich des Kamehamea I. Tages sei noch erwähnt, daß die Band insgesamt 12 Titel spielte, wovon allein 3 Titel neue Kompositionen von H.Berger selbst waren: der „Governor of Oahu March“, „Hymn of Kamehamea I.“ und der „Hawaiian March“.
Sogar eine Komposition von Offenbach gehörte zu dem Konzert: der „Perichole March“. Alles in allem ein anspruchsvolles Konzert.

Berger erntete großen Beifall und das war ihm Ansporn genug für seine weitere Tätigkeit. Er hatte sich vorgenommen für jeden neuen Anlaß, bei dem das Orchester aufspielte, auch etwas neues eigens dafür arrangiertes zu spielen. Dieses Versprechen hielt er sein Leben lang.

Einerseits zeigte er sich gleich in den ersten Wochen seines Wirkens auf Hawai‘i als hervorragender Kapellmeister und Arrangeur. Andererseits war er aber auch ein gehorsamer und korrekter Diener seines Herren, dem König. Das zeigte sich bei einem Galakonzert, wie folgt:
Nach dem ersten großen Erfolg des Blasorchesters fanden schon wenige Zeit danach, am 5. und 6.Juli 1872 die nächsten Konzerte am „Queen Emma Square“ statt.
Dieses Konzert am 6.Juli ist  H.Berger in besonderer Erinnerung geblieben und das kam so: König Kamehamea V. hatte erfahren, daß Berger Piano spielen konnte.
Er bat ihn, einem jungen Mädchen aus seinem Bekanntenkreis, Klavierunterricht zu geben.
Berger protestierte aus dem Grund, daß er nicht nach Hawai‘i gekommen ist, um Klavierunterricht zu geben, sondern um eine Kapelle zu leiten.
Kamehamea bot ihm jedoch an, es mit 20 Dollar extra zu bezahlen und so willigte Berger ein.
Das „Queen-Emma-Square“ Konzert war so das erste seiner Art und ein Gala-Event in Honolulu und Berger setzte alle Kraft daran, daß es auch zu einem Erfolg für das hawaiische Publikum werden sollte.
Doch der Zeitpunkt des Konzerts überschnitt sich mit der Klavierstunde von Mrs. Brickwood.
Berger setzte die Prioritäten zu Gunsten des Konzerts. Das Konzert hatte begonnen, als die Palastwache einmarschierte und Berger unter Arrest nahm und ihn vor den Augen des erstaunten Publikums als Gefangenen abführte.
„Wissen Sie, wer ich bin ?“ fragte ihn der König, als Berger vor ihn geführt wurde.
„Ich glaube schon. Sie sind der König“ sagte Berger.
„Ich bin der König! Wie können sie es sich wagen, den Klavierunterricht des jungen Mädchens abzusagen, obwohl ich, der König, sie darum gebeten habe.“
Berger erklärte ihm, daß er ein öffentliches Konzert gab und daß er hauptsächlich öffentlich Bediensteter anstatt privater Klavierlehrer wäre.
Kamehamea ließ ihn wieder frei und zurück zum „Queen Emma Square“, in dem das Publikum und das Orchester geduldig gewartet hatten und dirigierte das Konzert zu Ende. (Queen Emma war die Frau von Kamehamea V.)

Berger erweiterte das Repertoire des Orchesters binnen kurzer Zeit um erstaunlich klassische Stücke. Jedes Konzert bot für das Publikum neues. Dabei waren dann natürlich auch eigene Kompositionen oder Potpourris.
So führte das Orchester am 19. Und 26. Oktober 1872 Bergers „Emma Square March“ auf und es standen die „Cavatine“ aus Donizettis Oper „Belisario“ auf dem Programm.

Am 11.Dezember 1872 stirbt König Kamehamea V. und für kurze Zeit wurde Lunalilo (1873-1874) König von Hawai‘i. Nach dem Tode des Königs am 3.Februar 1874 wählt das Parlament einen neuen König und David Kalakaua wird sein Nachfolger. Zur Wahl stand auch die Witwe Kamehamea’s, die jedoch dem der höchsten Aristokratie angehörenden Kalakaua unterlag.

Zum König Kalakaua, dessen Frau Kapiolani, sowie der Schwester des Königs, Liliuokalani entwickelt sich für Heinrich Berger eine enge, freundschaftliche Beziehung, die entscheidende Auswirkungen auf seine Arbeit und die Royal Hawaiian Band haben.
Das besondere an diesem Verhältnis zum Königshaus war, daß die Mitglieder der Königsfamilie selbst sehr musikalisch waren. Man dichtete und komponierte selbst und mindestens eine noch heute weltbekannte Melodie stammt aus der Feder der letzten Königin von Hawai‘i – das berühmte und von zahllosen Interpreten gesungene „Aloha oe“. Insgesamt stammen rund 60 Lieder aus ihrer Feder.

König Kalakaua nahm in der Reihe der Monarchen von Hawai‘i selbst auch eine besondere Rolle ein und er trug bis zu seinem Tode einen Nebentitel, der auf seinen besonderen Charakter schließen läßt: der „Merry Monarch – der fröhliche König. Er hatte Freude an jeglicher Unterhaltung und war besonders von der europäischen Kultur angetan. Er war ein allgemein sehr interessierter Herrscher und informierte sich umfassend auf einigen Reisen in die Vereinigten Staaten noch 1874 und sogar später dann auf einer Weltreise 1881. Über diese Weltreise wurden verschiedene Bücher verfaßt, so von seinem Begleiter und dem späteren Gouverneur Judd und erst 1987 von K.E. Wernhart, einem österreichischem Historiker das Buch "Der  König von Hawai‘i in Wien".
Wie schon anfangs erwähnt, liebte er das ausschweifende Leben der europäischen Aristokratie und versucht diesen europäisch-amerikanischen Lebensstil auch auf seinen Herrschaftsbereich zu übertragen. Das hatte natürlich dann auf Hawaii auch innerpolitische Auswirkungen, da die Verschwendungssucht des Königs natürlich nicht im Sinne der Grundbesitzer und einflußreichen Lokalpolitiker war.
Dem Königshaus wurde mit einer neuen Verfassung – der so genannten Bajonett-Verfassung – entscheidende Macht entzogen, die nun aber auch nur in den Händen einiger weniger Großunternehmer lag. In dieser Zeit bekamen unter anderem auch die Amerikaner das uneingeschränkte Recht auf die ausschließliche Nutzung von Pearl Harbor zugesprochen.

Zurück zu Heinrich Berger.
Heinrich Berger arbeitete die ersten 4 Jahre in seiner Tätigkeit als Kapellmeister der „Royal Hawaiian Military Band“ hart. Das führte dann aber auch zu dem Erfolg, daß das Blasorchester zur festen Institution am Hofe des hawaiischen Königs und auch im öffentlichen Leben der hawaiischen Bevölkerung wurde.
Der Einflusses der ausländischen Unternehmer und auch Politiker auf die hawaiische Monarchie brachte im öffentlichen Leben erhebliche Unruhen mit sich.
Was in all den Zeiten jedoch kaum angetastet wurde, ist die „Royal Hawaiian Band“.

Heinrich Berger ist und bleibt auf Jahre hinaus Chef des angesehenen Orchesters.
Er lernte seine erste Frau, eine Hawaiianerinmit Namen Sarah Anne Booth-Pflüger , kennen und hat mit ihr mehrere Kinder: Augusta Harriet, William Henry, Rudolf Joseph, Emil Booth und Grace.
Von seiner ersten Frau wurde er später geschieden. Eine Tochter aus dieser Ehe war die spätere Mrs. Augusta Graham, eine Gründerin der Kiloha Kunst-Liga.

Nach Ablauf seiner Abkommandierung von Preußen nach Hawaii, kehrt er 1876 mit seiner Familie in seine Heimat, Deutschland, zurück.
Hier nimmt er seine Tätigkeit als Militärmusiker bei der preußischen Armee wieder auf. Er verfaßt in dieser Zeit eine Reihe Militärmusik-Lehrbücher, die für den Gebrauch spezieller Instrumente geschrieben waren.

Seiner Frau bereitete das relativ rauhe Klima – im Vergleich zu ihren heimatlichen, pazifischen Verhältnissen, hier in Deutschland gesundheitliche Schwierigkeiten.
Sie wird dann wohl auch der Auslöser dafür gewesen sein, daß Heinrich Berger aus dem Militärdienst ausmusterte und mit seiner Familie noch im gleichen Jahr, 1876, wieder zurück nach Hawai‘i ging.
Hier nahm er seine nur relativ kurz unterbrochene Tätigkeit als Kapellmeister der „Royal Hawaiian Military Band“ wieder auf, was wiederum dem hervorragendem Verhältnis Berger’s zum Königshaus zu danken war.

Er baute das Orchester nach und nach aus, indem das ursprüngliche Blasorchester selbst zwar mit den für diese Orchester üblichen Musikern aufgestockt wurde, aber zusätzlich auch Streichinstrumente zum Einsatz kamen. 
Das gab ihm dann die Möglichkeit, das Repertoire wesentlich zu erweitern. Damit konnte er z.B. Werke des von ihm so verehrten J.Strauß, Vater und Sohn in voller Klangfülle seinem Publikum bieten.

Die Royal Hawaiian Band war beginnend mit Heinrich Berger jedoch nicht nur ein gefragtes Orchester, sie war auch eine hervorragende „Schule“ für die talentierten Musiker.
1893 wurde H.Berger von den Kamehamea - Schulen angeworben, um die Musikabteilungen zu erweitern. Er unterrichtete Gesangslehrerinnen, bildete eine Jungenkapelle und setzte diese Tätigkeit als Musiklehrer an verschiedenen Schulen in Honolulu bis 1903 fort. Das brachte ihm den Titel eines Professors ein, den er sein Leben lang dann weiter führte.
Daneben organisierte er zahlreiche Orchester, Kapellen, Streichquartette und führte als neues Instrument den Kontrabass ein, den er bei zahlreichen Quintetten einsetzte.
Er war auch der ursprüngliche Leiter der Gruppe, die später als Honolulu Symphonieorchester bekannt wurde.

In diesem Zusammenhang sollte man auch einmal die Entwicklung seines Namens kurz beleuchten. Heinrich Berger führte seinen deutschen Namen offiziell bis zu seiner hawaiischen Einbürgerung im Jahre 1879.
Von dieser Zeit an, als er dem König Kalakaua den Treueeid schwor, wurde dann  sein Vorname in Henry umgewandelt.
Die Amerikanisierung eines Vornamens und auch Familiennamens war üblich und da Berger einerseits anfangs auch noch einen militärischen Dienstgrad hatte und  außerdem als „Chef“ der königlichen Band fungierte, nannte man ihn wegen seiner Popularität schon bald „Captain Henry“, was zwar nicht seinem deutschen Dienstgrad auf englisch entsprach, aber hier doch mehr die Bedeutung des „Chefs“ unterstrich. Diesen Nebentitel führte er bis an sein Lebensende und noch heute spricht man vom „legendary – legendären- Captain Henry“. Dies ist eine Anerkennung, die nur den wenigsten Menschen, egal in welchen Breiten, zu Teil wird.

Die Band selbst hat ebenfalls zahlreiche Namen getragen. Als "Royal Hawaiian Band" tritt sie erst seit 1905 auf.
 
Die ethnische Zusammensetzung der Orchestermitglieder war und ist noch heute gemischt. Neben den einheimischen Hawaiianern spielen in der Band Musiker verschiedener ethnischer Gruppen mit, sowohl Amerikaner, Japaner und andere.
Alle jedoch betrachten sich in dieser herausragenden Band als Hawaiianer und dafür machen sie Musik.

© Karl Schmidt

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