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Heinrich Berger - Coswiger Schüler in Übersee - 2

Ansichtskarte von Hawaii
Heinrich Berger - Teil 2
Eine Kinder - Zeit in Coswig


Seine Kinderzeit erlebte Heinrich Berger hier in Coswig etwa ab 1848/49, als er mit seiner Mutter, sicher mit der Eisenbahn, hier ankam.

Die Geschicke der Stadt wurden in den Jahren, in den Heinrich Berger hier aufwuchs, vom Bürgermeister Victor Pfannschmidt mit seine zwei Stadträten gelenkt. Er war von 1851-1873 Bürgermeister.

Als Stadtschreiber wirkte in dieser Zeit Ferdinand Dienegott Thiemann. Dieser war es wohl auch, der bei den etwa aller drei Jahre stattfindenden Einwohnerzählungen Heinrich Berger als "Pflegling", aus Berlin, bei der Familie Albert König in das Einwohnerverzeichnis von 1852, 1855 und 1858 eintrug.

Heinrch Bergers Vater war bei den März-Kämpfen 1848 in Berlin um's Leben gekommen und hier nach Coswig hatte die Familie verwandschaftliche Beziehungen: Ernstine König, die Frau des Stadtmusikus Albert König, war die Schwester von Wilhelm Berger, dem Vater Heinrich's. Auguste Berger, seine Mutter, sah hierin eine Möglichkeit, ihrem Sohn in der kinderreichen Familie eine gute Erziehung angedeihen lassen zu können, wozu sie sich außer Stande sah. Eine ebenfalls aus dieser Ehe stammende Tochter ist bei der Mutter geblieben.

Angemerkt sei an dieser Stelle, daß nach dem Aufstand in Berlin und dem Tode Wilhelm Bergers, dessen Textil-Kaufmannsbetrieb seitens der Regierung konfisziert wurde. Das soll daran gelegen haben, da sich W.Berger als einer der "Sprecher" der Revolutionäre betätigt haben soll. Auch sein Haus in der Brüderstraße soll niedergebrannt gewesen sein. (im "Verzeichnis der an den Märztagen in Berlin Gefallenen" taucht der Name Wilhelm Berger nicht auf und es heißt allerdings auch, daß 33 Leichen noch nicht "recognisciert" sind. In einer anderen Quelle sind die Verstorbenen nur summarisch erfaßt. Alle Recherchen zur Person W. Bergers in Deutschen Archiven blieben ergebnislos. Anm.d.Verf.)

Der kleine Heinrich Berger lebte sich bei der Familie des Stadtmusikers, der gleichzeitig auch als Türmer beschäftigt war, gut ein. Im Jahre 1852 gehörten zur Familie des 36jährigen Albert König seine Frau Ernestine die Söhne Emil, 6 Jahre, Max, 5 Jahre und Ernst, 2 Jahre. Heinrich Berger, 8 Jahre wird als Pflegesohn angeführt. Im Jahre 1854 wird dann der Familie König noch die Tochter Marianne geboren. Des weiteren werden die "Gesellen" Carl Arndt, ... Kilz und August Leps, sowie Friedrich Dorn und Gottlieb Schulze als Lehrlinge benannt. Gesellen und Lehrlinge waren ebenfalls Musiker, bzw. Anwärter und waren ebenfalls in den Türmerdienst einbezogen.

Werner schreibt 1929 in seiner "Geschichte der Stadt Coswig" , daß:"... die Musik in Coswig allezeit hoch in Ehren gestanden hat.. Der Meister, der Stadtmusikus war auch Hausmann auf dem Turm; bei ihm wohnten die Gesellen. Wir haben manchen ehrenwerten Künstler hier gehabt, der bei den Motetten der Adjuvanten seine Truppen im Orchester kunstgerecht führte. Das Superintendentenbuch Bl.97 g sagt: 'Es ist dem Hausmann von mir und dem Rat befohlen worden, daß er dem choro (Adjuvantenverein) mit seinen Gesellen beistehe, in den hohen Festen und sonst, wann in der Kirche figuriert wird (Kunstgesang vorgetragen wird), fürnehmlich aber auch, wenn Brautmessen gesungen werden.' Einige dieser Stadtmusiker heben sich besonders heraus, sie waren schon etwas Vornehmeres: Nic. Oschatz (um 1730), Joh.Georg August Giehl (1750), Ratskellerwirt und Musicus Instrumentalis, Schütze (1752) und die Familie König (von 1786 ? ca.1870 ). der letzte und seine Kinder, die Königskinder, stehen hier noch in gutem Andenken, seine Wohnung Breiter Weg 57." (tatsächlich. Nr. 58 ! Anm.d.Verf)

Andere "Pflichtprogramme" waren für den Stadtmusikus und seinen Gesellen Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und alle offiziellen, also durch das Fürstenhaus, den Ratsleuten und anderen, veranlaßten Gelegenheiten. Hierzu gehörte in Coswig sicher auch das Zuschütten des ehemaligen Brauteiches am Markt, bei dem natürlich auch der Adjuvantenverein mit einem Lied mitwirkte - ein offizielles Ereignis! An dieser Stelle sollte noch ergänzt werden, daß der Stadtmusikus durch ein ihm von den Ratsherren der jeweiligen Stadt oder gar durch die herzogliche Herrschaft verliehenes Privilegium inne hatte, das ihm Rechte zur Ausübung seiner Tätigkeit zusicherte.

Führt man sich vor Augen, daß in dieser offensichtlich sehr musikalischen Familie König, alle Mitglieder in das tägliche "Programm" einbezogen waren, kann man sich sehr gut vorstellen, daß bei entsprechendem Talent und Spaß am Musizieren auch die Kinder der Familie schon zeitig mit einbezogen wurden. Sicherlich erging es auch dem kleinen Heinrich Berger ähnlich. So erlernte der Junge schon im zarten Alter ein Instrument (warscheinlich Horn) und er soll im Alter von 8 Jahren schon schwierige Duette gespielt haben. Auch soll er im Kirchenchor (Adjuvantenverein) mitgesungen haben.

Man kann sehr wohl davon ausgehen, daß in diesen Kinderjahren der tatsächliche Grundstein für seine spätere Karriere gelegt wurde. Doch bis dahin war es noch ein mehrere Jahre dauernder Weg.

Einen wesentlichen Anteil an der Gestaltung des Lebens im 18.Jh. (und natürlich auch davor), hatte die Kirche. Seit 1797 ist das lutherische Amt Coswig dem reformierten Fürstentum Anhalt-Bernburg zugeteilt, das sich 1820 in der so genannten Union zusammenschloß und nannte sich seit dem nicht mehr lutherisch sondern dann evangelisch. Zu Zeiten Heinrich Berger's wirkten hier als Pfarrer an der Coswiger Kirche von 1849 bis 1856 Oberprediger Ernst Koch, der dann nach Waldau beordert wurde.

Konfirmiert wurde Heinrich Berger 1858 beim Probst Friedrich Stephan, der 1859 in Coswig verstarb. Als Kaplan, Diakonus und Pastor stand dem Probst noch Andreas Engelmann als zweiter Geistlicher zur Seite. Als Kantor wirkte in dieser Zeit Ludwig Stötzer.

Von besonderem Interesse ist für die Jugendzeit H.Bergers die Schulzeit, die er ja ausschließlich hier in Coswig verbrachte. Er ging in das Schulhaus am Turm. Dies befand sich unterhalb des Kirchturmes der St. Nicolai Kirche an der Stelle, an der sich heute die Tordurchfahrt zum jetzigen "Klosterhof" befindet. Hier muß sich schon von jeher ein Schulgebäude befunden haben: "Das Schulhaus am Turm, das Fürst Wolfgang hatte erbauen lassen, ist am 11.Juni 1690 abgebrochen... am 12. Mai 1691 das neue Haus eingeweiht worden". Dieses stand dann bis 1863. In dem Fachwerkbau befanden sich 6 Stuben (die Klassenzimmer), 8 Kammern und 3 Küchen.

1863 brannte das Schulgebäude infolge einer Brandstiftung ab. Ein Schüler soll, aus welchen Gründen auch immer, im Schulhause Feuer gelegt haben. Die Schule am Turm ist nicht wieder errichtet worden. Statt dessen erweiterte man im ehemaligen Schlafhaus der Nonnen des einstigen Klosters, die bereits 1828 eingerichteten ersten Schulräume um weitere neue Klassenräume. In der nun 1863 hier fertig eingerichteten Schule wurden 2 Knabenklassen und eine Mädchenklasse von 3 Lehrern unterrichtet.

Schon Anfang des 19.Jh. war die Schülerzahl derart angewachsen, daß ein weiterer Lehrer angestellt werden mußte und die Raumkapazitäten für die im Jahre 1829 insgesamt 544 Schüler reichten nicht mehr aus.

1845/46 wurde ein weiteres neues Schulhaus an der Ecke Domstraße / Lange Straße errichtet, das den gehobenen Bildungsansprüchen der Zeit als Mädchen -Bürger - Schule diente. Dieses Gebäude steht noch heute auf dem Gelände des ehemaligen Gymnasiums.

Im Jahre 1878 war der Bedarf an Schulplätzen dann noch weiter gestiegen und es wurde ein weiterer Schulneubau errichtet und zwar in der Langen Straße, das dann die neue Knabenvolksschule wurde. Das Gebäude steht heute noch auf dem Gelände des bisherigen Gymnasiums.

Die Schulpflicht begann mit dem 6.Lebensjahr. Zwei Jahre lang lernten die Kinder in der "Elementarklasse" Schreiben auf der Schiefertafel, Ziffern und Zahlen, Singen leichter Melodien, biblische Sprüche und Gebete. Als Arbeitsmaterial wurden Schiefertafel, Fibel, Stift und Schwamm von den Kindern benötigt. Darauf folgte die auf vier Jahre angelegte "Kantor - Klasse", in der die Lernziele schon weit höher gesteckt waren: fehlerfreies und ausdrucksvolles Lesen, deutliche Handschrift, Rechtschreibung, Heimat, kennenlernen der fünf Erdteile, Rechnen für das "gewöhnliche Geschäftsleben", Wissen um die Bibel, Naturlehre und auch Lateinisch. In der "Rektor - Klasse", die zwei Jahre dauerte, waren dann die Lernziele noch höher gesteckt und wer wollte und konnte, hat viel gelernt. Dabei erreichte die Rektor - Klasse etwa das Ziel der Tertia eines Gymnasiums, was dem der heutigen Sekundarschule entsprechen würde.

War die Schulzeit vorbei, gab es die Möglichkeit zum Besuch einer höheren Schule und Universität. Das richtete sich jedoch nach den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Eltern des Kindes.

Für die Mädchen verlief der Weg meist wie folgt: einige besuchten eine höhere Schule und später dann gar eine Universität. Überwiegend jedoch blieben sie im elterlichen Haushalt als Hilfe, oder sie gingen "in Stellung". Das heißt, sie wurden als Dienstmädchen oder Magd in einem fremden Haushalt angestellt, bekamen Kost und Logier mit einem Handgeld. Dafür wurde in Haus und Hof gearbeitet und so manches mal ein gewisses Grund- wissen für die eigene familiäre Zukunft "erarbeitet".

Für die Knaben verlief der Beginn der ernsten Zeit ihres Lebens meist jedoch anders: nach dem Motto "Handwerk hat goldenen Boden", wurde je nach Bedürfnissen, Interessenlage und Möglichkeiten, ein Meister gesucht, um eine Ausbildung zu beginnen.

Dafür standen in Coswig eine Reihe von verschiedenen Handwerksbetrieben zur Verfügung. Die unterschiedlichsten Gewerke hatten sich in Coswig angesiedelt. Aus dem Einwohnerverzeichnis der Stadt Coswig von 1849 geht hervor, daß ca 70 verschiedene Berufe von den Bürgern der Stadt ausgeübt wurden. Darunter waren wiederum die Hälfte der Berufe auch als Handwerksmeister-Betriebe hier ansässig. Neben den vertretenen Handwerkern, wie Zimmerer, Schneider, Schmiede, Maurer, Seiler, Korbmacher usw. gab es aber auch Berufe, die nicht in jeder Stadt vorkamen, wie z. B. ein Elbzoll - Einnehmer, oder ein "Trabant" - das war ein bewaffneter Leibdiener (1849 August Lorenz, 60 Jahre, wohnte im Schloß). Sogar ein Scharfrichterknecht, Gottlieb Schleye, 60 Jahre, lebte zu dieser Zeit hier.

Der Weg, ein solides Handwerk zu erlernen, war ursprünglich auch für Heinrich Berger vorgesehen. Er interessierte sich für Metall und Mechanik. Deshalb begann er eine Lehre als Schlosser mit dem Ziel, Mechaniker zu werden und später auch einen Ingenieurabschluß zu bekommen. Er begann seine Lehre als Mechaniker bei einem Schlossermeister, warscheinlich bei Gottfried Leonhard, der in der Langen Gasse (Lange Straße) Nr. 6 eine Schlosser - Werkstatt inne hatte.

Geht man davon aus, daß Heinrich Berger nach Abschluß der 8. Klasse seine Lehre begann, also etwa im Mai 1858, und es wird bei den Recherchen festgestellt, daß dieser Handwerksbetrieb zum Ende des Jahres 1858 wegen des Ablebens des Meisters in dieser Zeit aufgegeben werden mußte, kann man daraus schließen, daß die Familie Albert Königs als Zieheltern, tatsächlich dann eine andere Möglichkeit der Fortbildung des Jungen suchte.

Hier nun könnte der Gedanke gereift sein, den Jungen einen neuen, anderen Weg einschlagen zu lassen. Freunde der Familie sollen laut den Aufzeichnungen Bergers, vorgeschlagen haben, doch eine musikalische Laufbahn einzuschlagen. Er hatte ja nicht nur recht aktiv bei der "Stadtkapelle" seines Onkels mitgewirkt, sondern auch im Adjuvanten -Verein der St. Nicolai Kirche eifrig mitgesungen.

Der wohl älteste Verein ist in Coswig der Adjuvanten-Verein - ein Gesangsverein, welcher der Kirche St. Nicolai angeschlossen war und sogar der älteste Gesangverein im deutschsprachigen Raum sein soll. Er hat mit Sicherheit schon vor dem 30jährigen Krieg bestanden. Jedoch machte er erst 1639 wieder von sich reden und dann 1685: so liest man bei Werner, vom ersten Convent, da das Collegium wieder in vollem Flor gesetzet wurde. Eine neue Vereinssatzung ist dann 1688 unterschrieben worden. Der Verein führte über fast zwei Jahrhunderte den Namen "Collegium musicum". Erst 1865 gab sich der Gesangverein seinen alten "Adjuvanten"-Namen wieder. Der Name Adjuvant bedeutet übrigens Gehilfe - in diesem Falle Gehilfe des Kantors der Kirche der Stadt. In Coswig trat dieser Gesangsverein zu allen kirchlichen Anlässen und auch zu weltlichen Ereignissen in der Stadt auf, wie z.B. als am 20.Oktober 1858 der nicht mehr benötigte Brauteich westlich vom Rathaus zugeschüttet wurde und der Adjuvanten - Verein sicherlich mit Unterstützung der Musikgruppe unter der Leitung von Albert König, ein eigens dafür komponiertes Abschiedslied sang.

In der zweiten Hälfte des 19.Jh. gründeten sich noch weitere musische Vereine außerhalb der Kirche. Da war der 1878 gegründete Musikverein, sowie die Liedertafel, der Gesangverein Einigkeit und der Arbeitergesangverein. Alle pflegten sie das deutsche Liedgut und die Musik ihrer Zeit im weitesten Sinne.

Heinrich Berger, der als kleiner Junge hier nun die Vielfalt provinziellen Lebens kennenlernte, wurde durch seine Zieheltern natürlich in deren Interessenfeld mit einbezogen. So durfte er in seiner Freizeit verschiedene Instrumente spielen. Dabei schien ihm das musizieren mit dem Horn den meisten Spaß zu machen. Zumindest erinnert er sich selbst daran, daß er im Alter von erst 8 Jahren schon schwierige Duette gespielt habe - ohne die fachliche Unterstützung seines Ziehvaters sicher undenkbar. Positiv wirkte sich auf jeden Fall auch der Umgang mit den Lehrlingen und Gesellen des Stadtmusikus aus, die ja im gleichen Hause lebten und auch hier gemeinsam das Musizieren gelehrt bekamen und sicher auch gemeinsam übten.

Dazu kam, daß der Stadtmusikus selbst zeitweise im Adjuvantenverein sang, obwohl er kein eingetragenes Mitglied des Vereins war. In der Festschrift des Gesangsvereins von 1884 anläßlich der 200jährigen Wiedergründung werden Albert König und sein Sohn als besonders ..... unterstützende.... erwähnt. Beide waren zu diesem Zeitpunkt verstorben. Den Erinnerungen von Heinrich Berger ist zu entnehmen, daß er ebenfalls von seinem Onkel zu den Chorproben mitgenommen wurde und auch mitsingen durfte. Das hätte der kleine Heinrich Berger mit solchem Eifer getan, daß seine Stimme von dem vielen Singen derart beansprucht wurde und sich veränderte. Später, nach vielen Jahren, als er schon Musikmeister war, konnte er dann beim Einstimmen nie die Melodie halten, ohne dazu eine Stimmgabel zu benutzen.

 

© Karl Schmidt

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